Strandgut
Diese Unterseite ist nun wirklich eine zum Stöbern eingerichtete, irgendwo zwischen Neuigkeiten und Blog. Ganz dem echten Strandgut entsprechend, gibt es hier Fundstücke verschiedenster Natur zu entdecken.
Poesie und Politik – mitgedacht
Arntnix schwant mal wieder Schlimmes. Jüngste Medienberichte deckten auf, dass sich der amtierende Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien Wolfram Weimer erneut in ein Fettnäpfchen begeben hat. Ach, was sage ich? Es handelt sich eigentlich um eine Wanne voll stinkenden Altfetts, abgestellt hinter der Frittenbude undurchsichtiger Hinterzimmerpolitik. Da hat sich also dieser Kulturstaatsminister mithilfe des Bundesamtes für Verfassungsschutz in die Arbeit einer Fachjury eingemischt, die wie in jedem Jahr Buchhandlungen in ganz Deutschland ausgewählt hatte, die sich aufgrund besonderer Verdienste um das gedruckte Wort verdient gemacht haben und für unterstützungswürdig befunden werden. Drei bereits in der Auswahl stehende Buchhandlungen ließ Herr Weimer wieder streichen, da eine von ihm angeordnete Überprüfung durch den Verfassungsschutz Bedenken in ihm aufwarfen. Die bislang nur schwammig vorgetragene Erklärung lautet auf linksextremistische Tendenzen, was auch immer das bedeuten mag. Zumindest missfallen dem Kulturstaatsminister die von ihm nicht offengelegten Tendenzen, von denen er sich geschworen hat, sie zu bekämpfen. Das bedeutet für die drei Buchhandlungen: keine Auszeichnung, keine Förderung.
Kurios ist aber neben der Verschleierung der eigentlichen Gründe, dass es gerade Buchhandlungen in all ihrer Diversität sind, die uns überhaupt erst einen offenen Diskurs ermöglichen, umso wichtiger in einer Zeit wankender demokratischer Ideale. Warum? Weil wir dort verschiedenen Ideen begegnen können. Nicht jede Idee mag uns dabei persönlich zusagen, doch an einem wirklich demokratischen Diskurs können wir uns nur dann beteiligen, wenn wir überhaupt wahrnehmen, dass es unterschiedliche Ideen gibt. Nur, wenn wir dies erkennen, werden wir in die Lage versetzt, zu verstehen, was andere denken, und vielleicht sogar für fremde Positionen Verständnis aufzubringen.
Buchhandlungen handeln mit Büchern, der wertvollen Ware, die uns Welten eröffnet. Ein Eingreifen politischer Institutionen in den Kulturbetrieb ohne nachvollziehbare Argumente – ist das denn keine Zensur? Zumindest scheint damit ein Anfang gesetzt. Der Vormärz – ein Schelm, wer da jetzt Brücken schlägt – und seine Zensurbehörden lassen grüßen. Von Metternich zu Weimer? Hoffen wir es nicht. Denn reichlich bedrückend wäre doch die Vorstellung, wieder einmal mit sehr ernstem Hintergrund singen zu müssen: „Die Gedanken sind frei …“ Vor allem, wenn sie nicht mehr hinreichend dargelegt werden könnten, was wir allerdings von einer offenen, diversen Gesellschaft erwarten dürfen.
Das hätte letztlich nicht nur Folgen für Buchhandlungen, denen jetzt ein Makel angehängt wird, sondern auch für die Kulturschaffenden selbst. Ich halte es durchaus nicht für einen Zwang, dass sich nun alle Schriftstellerinnen und Schriftsteller politisch äußern müssen. Auch das gehört selbstredend zur Meinungsfreiheit. Irgendwann, schleichend und zuletzt verstärkt beschloss ich für mich, meine Stimme als Künstler auch zu nutzen, um in unsicheren Zeiten auf gesellschaftlich Prekäres hinzuweisen, also auch Poesie und Politik ineinanderfließen zu lassen. Es ist meine Entscheidung, weil ich den Diskurs für wichtig halte. Ich könnte mich genauso gut zurückhalten, um möglichst wenig anzuecken. Wobei letztlich auch das ein Anecken bedeuten könnte, sollte jemand einmal fragen, weshalb ich, als es darauf ankam, geschwiegen hätte.
Wenn jetzt aber schon ein Kulturstaatsminister in den Kulturbetrieb eingreift, weil womöglich die eine oder andere Meinungsäußerung missfällt, ist wohl die Frage angebracht, ob das auch für die nicht eben schweigsamen Autorinnen und Autoren, etwa für mich persönlich, Konsequenzen hat. Gelegentlich bewirbt sich unsereins ja um Preise und Stipendien, die auch aus öffentlichen Geldern gespeist sind. Die meisten Autorinnen und Autoren können schließlich von Buchverkäufen nicht leben. (Was nun wieder ein neues Thema wäre, wenn Buchhandlungen in immer größere Schieflage geraten sollten.)
Was darf ich also befürchten, wenn meine Lesungen in einem linken Kulturzentrum vor vielen Jahren ein Dorn im Auge eines konservativen Politikers sind? Was, wenn meine politischen Gedichte jemandem an der falschen Stelle im Getriebe missfallen? Was, wenn jemandem aufstößt, dass diese Text gewordene Überlegung existiert?
Schweigen will ich nicht. Die Meinungs- und Kunstfreiheit ist eine tragende Säule unserer demokratischen Gesellschaft. Jede Beschneidung dieses Grundrechts bringt diese Gesellschaft ins Wanken, lässt Diskurse zerbrechen und die Fähigkeit zur Empathie verblassen. Und das möchte ich nicht verantworten.
Arne Suttkus, 6. März 2026
Neues von Claudia, neues aus dem Café
Heute gibt es einen kurzen Beitrag als kleine Rückmeldung mit Ankündigung. Seit meinem letzten Eintrag für den begüterten Strand ist schon wieder ein wenig Zeit vergangen. Doch immerhin habe ich diese Zeit auch sinnvoll genutzt. Eigentlich ist das hier ja schließlich die Website eines Autors, der sich nicht auf ein digitales Logbuch beschränkt. Im Gegenteil, das ist eigentlich bloß Nebensache.
Es wird Euch, geneigte Leserinnen und Leser, also hoffentlich freuen, dass ich emsig an der Fortsetzung der Claudia-Geschichten gearbeitet habe, wenn ich auch zwischenzeitlich ein paar Bremsklötze ertragen musste. Aber jetzt ist es geschafft, die Druckvorlage ist von meiner Seite vollständig abgearbeitet, das Cover erstellt – wieder selbst gebastelt –, und der zweite Band ist fertig. Sein Titel ist wieder angemessen lang gestaltet: Das eine kleine Café und die ganze große Welt.
Freut Euch auf mehr Claudia, mehr Weisheiten und Schrulligkeiten, Kaffee und Waffeln, dicke Freundschaft und – Liebe? Mal sehen, was sich da ergibt. Die Welt ist irgendwie im Aufbruch. Die Frage ist, ob sich das Leben im Café gleichermaßen wandeln kann. Merkt Euch gern den 9. Februar vor, denn dann erscheint der neue Roman im Buchhandel.
Arne Suttkus, 19. Januar 2026
September mit Schieflage
Weil hier eine ganze Weile kein Beitrag mehr erschienen ist, versuchen wir es heute mal mit einem Monatsrückblick, der sich allerdings nicht allzu weit verlaufen soll. Kurzum: Es läuft nicht immer alles nach Plan.
Am 20. September um 13 Uhr hätte ich im umgebauten und frisch neueröffneten Kulturspeicher, der nun ehrwürdig wohnzimmerhaften Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek, aus Die Romantik soll mir mal im Mondschein begegnen lesen sollen. Naturgemäß hatte ich mich sehr über die Einladung gefreut und hätte unheimlich gerne auch ganz wirklich echt in Person gelesen. Dummerweise musste ich gerade dann plötzlich ausfallen. Falls jemand von Euch, die Ihr dies lest, dort war, dürfte aufgefallen sein, dass zwar Claudia und die Gang tatsächlich dabei waren, aber der Mensch auf der Bühne doch irgendwie anders aussah und anders klang als ich. Diesem Menschen, dem wunderbaren Frederic Zangel, möchte ich an dieser Stelle für seinen großartigen, spontanen Auftritt in meiner Sache noch einmal meinen herzlichen Dank ausschreiben: Das war einfach ganz, ganz großes Kino!
Und um jetzt noch einmal die Kurve zu kriegen, bevor ich mich emotional verliere, gibt es auch noch ein kleines Hurra. Denn zum ersten Mal seit dem Jahr 2014 ist in deutscher Sprache, und zwar losgelöst von einer gewissen Kurzgeschichte und auch einem sehr gewissen Roman, die beide lyrisch durchflochten sind, ein für sich stehendes Gedicht von mir erschienen. DIE LIEBE DER ZIEGEN ist ein Gruß an Marc Chagall und hat es in die Anthologie Antwort auf Farben anlässlich des diesjährigen Ulrich-Grasnick-Lyrikpreises geschafft. Der Band, erschienen im Berliner KLAK Verlag, lohnt sich insgesamt übrigens sehr, gerade jetzt im Herbst, wenn die Farben wieder so herrlich verrücktspielen und die gemütlichen Sessel mit Kaffee- oder Teeduft an der Hand bewohnt werden möchten. Natürlich ist mein Beitrag ganz besonders feierlich und vielleicht auch mit einem kleinen Augenzwinkern versehen. Aber das liegt an der Flut der schönen Dinge, die sich darin abspielen. Ich hoffe, Ihr seid ein wenig neugierig geworden und werft mal wieder einen Blick auf Lyrik.
Arne Suttkus, 12. Oktober 2025
Schleswig und die Marke Wikingerstadt
Der Titel verweist auf einen Text, der an anderer Stelle veröffentlicht wurde, nämlich auf dem kulturkanal.sh, einer wundervollen, noch immer jungen Plattform für den Feuilleton in Schleswig-Holstein, der in den großen Medien des Landes redaktionell nur noch wenig Beachtung findet. Wenn Ihr kulturinteressiert seid, dann sei Euch der kulturkanal.sh unbedingt ans Herz gelegt.
Es gibt außerdem den angedeuteten Artikel zu lesen. Schleswig hat sich bereits 2015 "Wikingerstadt" genannt. Doch was hat die Stadt daraus gemacht? Was passiert hinter den Kulissen? Wo sind die Wikinger? Und was steckt eigentlich hinter der Marke? Das alles habe ich in dem Artikel einmal zusammengefasst - was hier nachzulesen ist.
Arne Suttkus, 20. August 2025
Claudia und Kiel
Ob sich jemals jemand vor, bei oder nach der Lektüre der Romantik gefragt hat, weshalb genau sich das viel frequentierte Café ausgerechnet in Kiel befindet, wage ich nicht zu beurteilen. Kiel ist nun nicht gerade eine legendäre, nimmermüde Metropole, und das ist gut so, meine ich. Denn es hätte mich beim Schreiben und vielleicht ebenso meine Figuren womöglich erschlagen. Fakt ist: Kiel kenne ich – schreib über das, was du wirklich kennst, heißt es immer. Und: Kiel kann mit diesem Café und diesen Leuten in ein Buch schlüpfen.
Weil ich aber so grüble, weshalb ich Kiel zum Ort des Kaffeekonsums erwählte, gehe ich der Frage noch einmal ganz in Ruhe nach. Es hätten im Grunde zwei Stellschrauben genügt, deren Drehung mir Tür und Tor zum allgegenwärtigen New-Adult-Genre geöffnet hätte. In der Tat, wir sollten eher von Late New Adult ausgehen, falls es dieses Subgenre gibt. Doch nun zu den Schrauben. Erstens: mehr Würze mit x, was völlig albern geworden wäre. Zweitens: bestenfalls eine sehr hippe Stadt – gnädigstenfalls so eine wie New York City. If I could have made it there …
Witzigerweise braucht der Literaturzirkus ja diese ganz markanten selling points. Die müssen auch nicht immer so wahnsinnig unique sein. Wichtiger ist eigentlich, what sells. Bei Kiel habe ich eher unique gewählt und den dicken, fetten selling point ausgelassen. Nicht einmal Hamburg – ja, genau, die holsteinische Grenzstadt gen Süden. Nein, nein, Kiel – ohne Wolkenkratzer, ohne karierten Stadtplan, ohne dieses seltsame Weltstadtfunkeln, das bei genauerem Hinschauen in einen dampfenden Gully absifft. Kiel ist eben eine behäbige Landeshauptstadt, die nicht so recht weiß, wo sie hinwill, dafür unbestreitbar und bis in die Poren das Meer bei sich hat, mit ganz viel verträumter Seeverliebtheit in einem oft recht sehr hässlichen Gewand, das einen immer wieder mit hübschen Details überrascht.
Auch ein Fakt ist: Kiel war nicht immer schon Schauplatz der Romantik. Im frühen Stadium der Claudia-Kurzgeschichten stand da: das Café – und zwar das Café in einer Stadt, die einfach irgendwo war, überall sein konnte. Selbst im fertigen Roman hätte das bei anderer Ausgestaltung so stehen können. Beim Lesen, so schien mir beim Schreiben, kommt es maßgeblich doch eher auf die Figuren und das Café an. Kiel kam zuerst als Gefühl dazu, das Vertraute in diesem kleinen Erzählkosmos. Es erwuchs daraus allmählich mehr als eine schnöde Kulisse, die – wer weiß? – eine hippe Stadt möglicherweise geboten hätte, vielmehr ein Mantel, alt, geliebt und mit eigenen Eigenschaften. Besonders für die Eingeweihten der Kieler Kaffeehauskultur mag es auch an den Stellen klicken, die weiterhin auf den ersten Blick offen erscheinen, wo eine Gemeingültigkeit des Ortes zur individuellen Erschließung einlädt. Dort mag es klicken, weil es auch beim Verfasser im Zuge des Schreibens gefühlsmäßig klickte.
Dass die Romantik schließlich, nachdem die letzte Seite geschrieben und das Buch veröffentlicht ist, auch als Kielroman gelesen wird, freut mich dann gleichwohl. Romane über New York und Hamburg gibt es schon so viele. Make it a unique selling point. Zumindest in Kiel und Umgebung mag der Roman so verstanden werden.
Arne Suttkus, 13. August 2025
POEDU? – POEICH?
Neulich hatte ich noch mit Entsetzen festgestellt, dass der stationäre Buchhandel eine erstaunliche Lyrikarmut zu verzeichnen hat. Nicht einmal ein einziges Regalfach, das sich dieser verträumten Literaturform widmet, war bei der Stichprobenanalyse zu entdecken gewesen. Das gilt nicht für alle Buchläden, nein. Auch hier gibt es kleine Dörfer unbeugsamer Gallier, in denen noch mit Herz und Seele auch nach den beinahe vergessenen, den versteckten, aber oft gerade besonders aufregenden Büchern gespürt wird.
Dem ELIF Verlag sei Dank, sprang mich in einer dieser Buchhandlungen – nämlich in der Buchhandlung Almut Schmidt im Kieler Stadtteil Friedrichsort – ein kleines, putziges Hoppeltierchen mit langen Ohren an, als Aufkleber am Regal, gleich bei den Gedichten. Trotz aller Flachheit so eines Klebezettelchens empfand ich es als überaus plastisch und noch viel direkter, als es mich feierlich ansprach mit dieser Zauberformel: „POEDU?“
Überrascht sah ich das possierliche Tierchen an.
„POEICH?“, fragte ich dann.
Doch das Tierchen zwinkerte bloß.
Was für eine Frage, in der Tat. Nun weiß ich allerdings nicht, welche Resonanz der Hoppler bei anderen Leuten hervorruft, die vor ihm erscheinen, mir entlockte er die Erkenntnis, Poet zu sein, aus einem Gefühl heraus, einem bestimmten durchaus, das dem noch immer fragenden Nachhall eine ganz neue Note auftrug. Die Frage wurde in meinen Ohren zur Aussage.
„POEDU.“
„POEICH.“
Und das Hoppeltierchen zwinkerte mir zu.
„Autor und Lyriker“, so hatte Hauke Harder, der Hüter des Leseschatzes und just dieses Regals, mich einmal vorgestellt. Das Mysterium der Aufteilungen literarischen Wirkens und Seins. Das Eine will Prosa sagen, das Andere Lyrik oder eben Poesie. Wenn wir dann einen Blick auf die nicht vorhandenen Lyrikecken werfen, ist da gewiss etwas dran, in einem Zeitalter der Prosa im Buchladen. Ich möchte schon sagen, es schade auch nicht, da ich mich schließlich ebenfalls in der Prosa heimisch fühle.
Die Trennung trifft auch zu, verstehen sich die jeweils Schaffenden den Gattungen ganz exklusiv zugeteilt. Fein, fein. Doch das trifft auf mich nun nicht zu. Die Grenze lässt mich kalt. Für Gräben haben wir Klootstöcker.
Ich bin Geschichtenerzähler ganz allgemein, welche Gattung auch immer mir dafür vor die Füße läuft, Geschichtenerzähler und – ja, was? – Poet im Sinne einer alles Erzählerische erfassenden, durchwirkenden Poesie.
Lassen wir das einmal sacken. Es klang nach einer Vielheit, nach etwas Überbordendem, nach etwas mit einem gewaltigen Nachhall. Setzen wir uns, lümmeln uns aufs Sofa. Doch eigentlich stelle ich fest, dass es ziemlich genau das ist, was ausgedrückt werden musste, dieses Gefühl, das vom zwinkernden Hoppeltierchen ausging.
„POEICH.“
„POEDU.“
Und es zwinkert.
Die Tatsache bleibt, dass ich nach dieser Definition selbstbewusst hinken muss, weil die Lyrik eben doch nicht stets solche Beachtung findet wie in einer offenkundig verzauberten Buchhandlung, wo ich sogleich tiefschürfend darüber plaudern konnte. So suche ich weiterhin nach Möglichkeiten, die Lyrik im Sinne des Hoppeltierchens und auf meine Art, ja, in meiner ganz eigenen Spielart aus dem Schatten zu heben, in welchem der Druide Arntnix verzottelt und verwurzelt hockt und Gedichte raunt, die von Bäumen und Kaninchen gehört werden – und manchmal in gallischen Dörfern.
Arne Suttkus, 14. Juli 2025
Arntnix schwant Übles
Was hat es zu bedeuten? Doch fange nie mit einer Frage an. Nur ist die Regel einmal in den Wind geschossen, fliegt sie. Oder anders: Gestern habe ich eine Buchhandlung aufgesucht, nicht eigentlich meine Stammbuchhandlung, vorweg geschoben, aber immerhin eine vertraute und überdies einigermaßen große – das könnte in der Folge für das Tiefendenken noch wichtig werden. Eine spontane Neugierde hatte mich getrieben, der Hauch einer Idee, die beim Frühstück geboren war. Ich hatte – wenig verwunderlich – über Gedichte gegrübelt. Auch nicht verwunderlich, dass ich über Veröffentlichungsformate sinniert hatte. Nur kurz zum Fazit in dieser Grübelei: Kurz ist gut.
Denn kurze, kleine Büchlein oder Kladden lassen sich ausgezeichnet in Taschen durch die Welt schleppen, ganz leicht, ganz locker. Und es fügte sich auch noch, dass ich nach dem Frühstück aufbrach, um unterwegs zu sein. Eine Tasche hatte ich dabei, ein Büchlein mit Gedichten eben nicht. So, völlig ohne ein derart kleines vollgedichtetes Büchlein, saß ich später an meinem Arbeitsplatz. Den nennen wir Café – oder andersherum: Das Café nennen wir Büro. Schließlich muss ich gelegentlich erfüllen, was spätestens seit dem Bericht beim NDR neuerlich etabliert zu sein scheint. Aber immerhin ist es als mein ganz persönlicher Arbeitsplatz zu verstehen, weshalb ich schreiben musste, konnte, wollte. Zeit zum Sinnieren blieb überdies – außerdem für diese Zeilen in füllerverfertigter Rohform.
Was hat nun was zu bedeuten? Ich sage: Namentlich nicht genannte, einigermaßen große, also angebotsreiche Buchhandlung verfügt über keine Gedichtabteilung, kein Gedichtregal, kein Gedichtregalfach. Wir wollen es als den vorläufigen Tiefpunkt einer Entwicklung betrachten, die bereits etliche Jahre anhält. Was ich fand, waren die üblichen verdächtigen Geschenkbücher zu Hochzeit, Geburtstag eins, zwei, drei und siebenundvierzigeinhalb, ganz vereinzelt angedeutete Hoffnungen im Klassikermetier und eine Auswahl von Prosa, Szenen und Gedichten des klassischen Heinz Erhardt – des Humors und Reclams wegen. Reclam wäre an sich schon mal in Ordnung, jedoch: Versucht mal, aktuelle Gedichte aktueller Dichterinnen und Dichter bei Reclam in klein und gelb zu finden. So sprach im Eigensinn, pardon, der aktuelle Dichter.
Was hat es zu bedeuten? Ist die Lyrik, die Poesie, in deutschsprachig dominierten Buchhandlungen so wenig gefragt, also gesellschaftlich im Grunde perdu? Oder ist das Gedicht die Verlautbarung einer Geheimgesellschaft? Ich bevorzuge dann selbstredend die zweite Möglichkeit. Wir Dichtenden als Zauberleute – ha, die Romantik mit ihrem Erzähler nun wieder! –, irgendwie Hohepriesterinnen und lustig, bärtig gar wuschelige Druiden. Wir murmeln, hauchen, beschwören die Gedichte – oho-ohui-oha-u-aah!
Mein Name ist Arntnix.
Aber nun mal ehrlich. Was immer es zu bedeuten hat, dieser Laden braucht Gedichte. Dringend. Und die anderen Abstinenzbuden natürlich auch. Wenn sie dort in Auswahl nicht stattfinden, bleiben die versponnenen Druiden real. Doch Lyrik ist für alle da, nach Geschmack gewiss, aber eben für alle. Darauf erst mal ein paar Mistelzweige für den Tee.
Arne Suttkus, 4. Juli 2025
Radio, Video, und der Autor nur so oh
Als im April die Meldung langsam, aber bestimmt in mich eingedrungen war, als ich also die Information als gegeben hinnehmen konnte, dass ich den Preis Junge Prosa Schleswig-Holstein erhalten sollte, kam recht bald eine Anfrage von der Welle Nord in mein E-Mail-Postfach geschwemmt. Welle Nord, das ist der regionale Radiosender des NDR in Schleswig-Holstein. Also die Welle Nord, die einschwemmt – Strandgut eben. Zumindest gab es diese E-Mail, eine Anfrage, ob ich nicht für ein Gespräch mit vorgehaltenem Mikrofon zur Verfügung stünde.
Die Dinge, die dann ein Wettrennen im Kopf durchführen. Zuerst einmal ein klares Ja zur Anfrage. Warum? Weil ich noch nie vom NDR oder irgendeinem Radiosender zu irgendetwas befragt worden war und es unheimlich spannend klang. Spannend, ja, genau. Ein bisschen nervös war ich deswegen auch. Denn ich hatte so etwas eben noch nie gemacht. Für die Zeitung allerdings schon. Was sollte daran groß anders sein? Das Mikro auf dem Tisch eben. Na ja. Und dann hatte ich ja selbst dereinst im Rahmen des Studiums ausgerechnet Radiojournalismus belegt und eine Sendung mitgestaltet. Also wurde ich total cool und ruhig.
Bis zum Vormittag der Aufnahme, die zu meiner Freude an einem wichtigen Ort für die Entstehung der Romantik, der Claudia-Geschichten stattfand. Ich musste ein wenig auf den Koffeinpegel achten, aber dann kam ich schon in den Groove – nicht zuletzt, als ich im Anschluss an das Interview auch noch verschiedene Texte in Auszügen einlesen durfte. Claudia war dabei, passend für den Ort, natürlich Morgengymnastik auf Papier und ein Gedicht auf Dänisch wegen der sprachlichen Vielfalt des Landes und des Senders.
Das Resultat lief schließlich am Vorabend der Preisverleihung. In gebotener Kürze, mein Highlight des Abends, des Tages. Die Romantik und die Morgengymnastik waren dabei. Ich war zum Kaffeehausautor stilisiert.
Zu meiner Freude durfte ich gleich weiter einlesen, noch bevor ich den Preis überreicht bekam. Das Ergebnis ist Morgengymnastik auf Papier, diesmal als vollständige Lesung. Vom 28. Juli bis zum 10. August lässt sich die ganze Erzählung per Anruf erlauschen. Dafür nutzt die Stadt Kiel noch einen herkömmlichen Anrufbeantworter, was mir sehr sympathisch ist. Allerdings ist die Aufnahme auch als Podcast im Netz abzurufen, sogar über den 10. August hinaus. In einer Nische der Zentralbibliothek im Neuen Rathaus der Stadt Kiel soll es eine echte Telefonzelle geben, die exklusiv den aktuellen Beitrag des Literaturtelefons abspielt. Es bieten sich also verschiedene Möglichkeiten, der Geschichte mit den Ohren voran zu folgen.
Der Titel verrät bereits, dass ich in letzter Zeit auch mit dem Bewegtbild in Kontakt geraten bin. Überraschung: Das ist richtig. Und zwar wurde ich vom famosen Buchhändler und -besprecher Hauke Harder, auch bekannt als Leseschatz, gefragt, ob ich nicht vielleicht für eine Gesprächsfolge von Leseschatz-TV in der Buchhandlung Almut Schmidt im Kieler Stadtteil Friedrichsort vor der Kamera Platz nehmen wollte. Sehr gemütlich war das. Sehr entspannt war ich. Gar nicht aufgeregt war ich. Doch! Ich war aufgeregt. Komischerweise. Denn gemütlich war es wirklich. Außerdem haben Stephen King und Benjamin Myers freundlicherweise die Kamera gehalten. Nee, ist klar, ihre aktuellen Romane (bei Myers ist es Strandgut) taten das. Es war trotzdem nett von ihnen.
Ein schönes Erlebnis war es auch, gut zehn Minuten für das leseinteressierte Publikum über Die Romantik soll mir mal im Mondschein begegnen reden zu dürfen. Claudia und die Cafébewohnenden sollten irgendwie noch mehr Leuten bekannt werden. Wie schön das doch wäre.
Ziemlich viel Aufregung also, sehr viele moderne Medien für einen Autor, der liebend gern mit der Hand schreibt, mit einem Füller. Aber das macht nichts. Jetzt bin ich sozusagen ein alter Hase. Radio. Video. Oha!
Arne Suttkus, 24. Juni 2025